Ausstellung | Blister | Tobias Gellscheid & Stefan Leyh

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Zeitraum: 
25.09.2015 - 06.11.2015

Am Freitag, 25.09.2015, 20 Uhr, kehrt die Galerie aus der Sommerpause zurück mit neuen Meldungen aus der Mitte der Gesellschaft. Die Ausstellung "Blister" zeigt Figuratives, handwerklich Meisterliches, künstlerisch Hintergründiges. Der Realismus der Künstler Tobias Gellscheid (Halle) und Stefan Leyh (Erfurt/Dresden) scheint verführerisch die gute, alte Kunst zu bewahren. Doch weiß man, was man da sieht? Was verbirgt sich hinter der Transformation von Fotomotiven pophistorischer Konzerte in die seltene, als auch meisterliche Reproduktionstechnik des Holzstichs. Warum entreißt Stefan Leyh das Publikumsliebling der 50er Jahre, Liselotte Pulver, aus einer Filmszene und gießt sie in Epoxydharz. Die Form der Präsentation der gewählten Motive hinterfragt das Kunstobjekt, als auch den Betrachter, hierbei spielt der Begriff der Ikone keine unwesentliche Rolle. Der Realismus dient den Künstlern als Sichtverpackung (engl. blister), ohne die sich die zeitgenössischen Dimensionen ihrer Kunstprodukte nicht entfalten könnten.

Tobias Gellscheid - „Helter Skelter“: Der Kontrast könnte kaum größer sein: Tobias Gellscheid verwendet als Vorlage Fotos aus dem Internet. Es sind Fotos aus der Popmusik-Welt längst vergangener Tage. Diese setzt er als Holzstiche und Linolschnitte in Holzstichmanier um: Auf der einen Seite haben wir also die modernen, schnellen Medien bzw. das schnelllebige Showgeschäft –, auf der anderen eine extrem langsame, nahezu aus der Mode gekommene Technik. Musik bzw. Popmusik, um die es hier ja vorrangig geht, berührt uns - vielleicht sollte man sich nicht scheuen zu sagen: berührt unsere Herzen in ganz besonderer Weise: Der „Gänsehauteffekt“, etwas wovon bildende Kunst nur träumen kann. Um eine solche Träumerei handelt es sich möglicherweise bei Gellscheids Werken, voller Bewunderung, aber vielleicht auch nicht ohne Wehmut. Was sieht man? Man sieht handwerklich perfekt gemachte Druckgrafiken. Mit zielsicher eingesetzten Strukturen erzeugt Gellscheid einen großen Umfang an Grautönen und Plastizität. Hinzu kommen so-wohl psychedelisch wirkende Unschärfen und Flimmereffekte, als auch „richtungweisende“ Fondtöne, mal poppig laut, mal nostalgisch zart. 

Galerie Kunsthof Jena 

Was sieht man nicht, was sollte man wissen? Es lohnt sich, die Titel dieser Arbeiten zu lesen und im Gedächtnis der Musik- und Kunstgeschichte zu kramen. Der Werkzyklus hat einen durchaus konzeptuellen Aspekt, auch wenn dieser sich nicht in den Vordergrund drängt. Alles hängt mit allem zusammen, die Titel, die Bildelemente -, das alles sind Zitate. Nicht selten sogar „Zitate höherer Ordnung“, die auf mehr als nur eine „Wurzel“ verweisen. Die Lesbarkeit der Bildelemente mag ein recht antiquierter Ansatz sein, der Gellscheids Werke in der Tradition des Mittelalters verankert. Nur geht es hier nicht um religiöses Allgemeingut, sondern um das quasireligiöse Allgemeingut der Popmusik. Auch der Holzstich wird gern als antiquiert bezeichnet. Nimmt man es mit der Etymologie nicht ganz so genau, dann steckt in diesem Wort „anti“, also gegen… Angesichts der medialen Bilderflut und des Leistungsdrucks des Kunstmarktes erscheint die Entscheidung für den Holzstich geradezu provokant. Es ist ein extrem zeitaufwändiges Medium. (Parallele: Auch Popkultur hat den Anspruch sich abzugrenzen, vom Vorherigen oder Konventionellen, nur geschieht das meist mit anderen Mitteln.) Nicht nur, dass beim Holzstich die Motive mit Grabsticheln in superhartes Hirnholz graviert werden, diese speziellen Holzplatten gibt es nicht fertig zu kaufen. Tobias Gellscheid stellt sie sich selbst her. Das ist ein Teil der Arbeit, die man auf den ersten Blick nicht sieht. Gleiches gilt auch für die Rahmen. Das alles, die Präsentation eingeschlossen, meistert er mit großer Sorgfalt und viel (Eigen)-Sinn fürs Nostalgische. 

Wie schon erwähnt, Tobias Gellscheid bezieht sich auf inzwischen historisch zu nennende Fotos und zwar von Konzerten, kreischenden Fans oder auch zu Ikonen gewordenen Bildern der Popkultur. Das Medium Fotografie konserviert Momente. Mit der Übertragung in die Technik des Holzstichs zelebriert Gellscheid die Ausdehnung des flüchtigen Augenblicks. Vor dem Hintergrund, dass die Arbeit an so einer Platte Wochen, ja Monate dauert, erscheint der ganze Werkzyklus wie eine große Meditation über die Vergänglichkeit. Der Schatten des Memento Mori liegt über allen diesen Blättern. Die Musiker, die Stars, erscheinen zwar aus der Masse herausgehoben, dennoch sind auch sie verletzlich und sterblich. Und ähnlich wie bei der mittelalterlichen Heiligenverehrung wächst ihr Kultstatus mit einem frühen, martyrerhaften Tod. 

Der Bezug zur Pop-Musik ist bei Tobias Gellscheid allgegenwärtig, aber auch zur Pop-Art. Nur wird das Wesen des Pops, in dem die Pose oft mehr wiegt als der Inhalt, dieses schnelle und zielsichere Triggern von Emotionen, durch die extreme Entschleunigung und Perfektion ad absurdum geführt. Oder geadelt. Die Bildtitel verweisen nicht selten auf Songs oder Filme und stellen somit die Verbindung zwischen den Einzelwerken her, so z.B. der Linolschnitt "Cry Baby“; dieser zeigt junge Mädchen bei einem Beatles-Konzert in ekstatischer Verzückung."Cry Baby“ ist aber auch der Titel eines Musikfilms, in dem Iggy Pop mitgespielt hat. Von Iggy Pop wiederum gibt es ein Stück namens "The Passenger". Der großformatige Holzstich „The Passenger I“ bildet einen Kulminationspunkt innerhalb des Zyklus. Es die einzige Arbeit, in der die Fotovorlagen explizit collagenhaft eingesetzt werden. Zentrales Motiv ist ein Fahrgeschäft mit einer aus Kugeln zusammengesetzten Lichtersäule in der Mitte, die an das zentrale Gebilde in Hieronymus Boschs Gemälde "Garten der Lüste" erinnert. Gewissermaßen als zusätzliche Gondel ist der brennende Unfallwagen von James Dean eingearbeitet. (Dieser taucht in einem weiteren, farbig unterlegten Stich auf, "The Passenger II“.) Links und rechts im oberen Bereich – wie Engelschöre – die verzerrten Gesichter weiblicher Beatles-Fans. Dazwischen, darüber, wo früher einst Gottvater thronte, ein sich drehender Himmel in Langzeitbelichtung, konzentrische Kreise. 

In dieser Arbeit fließen alle Denk- und Assoziationslinien des Gellscheidschen Kosmos zusammen: Vergänglichkeit, die Parallelen zwischen Popmusik und Heiligenkult , das rauschhafte und zweckfreie Rotieren der Stile, der Moden, mit allen Hochs und Tiefs, mit allen Auswüchsen (vgl. die Doppelbedeutung des Wortes „Rummel“ – sowohl Jahrmarkt, als auch viel Getue, übertriebene Aufmerksamkeit). Hier schließt sich der Kreis zu „Helter Skelter“, zum Titel der gesamten Diplomarbeit. Es gibt einem gleichnamigen Song der Beatles, in dem eine Karussellfahrt besungen wird. Allerdings sind auch die im quasireligiösen Wahn (mit Bezug auf die Beatles) begangenen Morde der Manson-Family auch als „Helter Skelter“-Morde in die Geschichte eingegangen. Alles in allem haben wir grafisch dichte, inhaltlich hoch aufgeladene Arbeiten vor uns. Ich persönlich hätte mir noch ein wenig mehr davon vorstellen können, aber angesichts des Aufwandes, den die Größe der Formate und die sehr spezielle Technik mit sich bringt, ist das nicht mehr als ein Wunsch, der aus der Begeisterung herrührt.

(Franca Bartholomäi, Halle)

Beat-Poet Trebor Gross zur Ausstellung: 

Like a blister in the sun. Suchtmittel Wachstum. cold turkey nach dem Platzen der Blase. Hinter den plastenen Vorhängen lauern die Träume vom Glück. Zerfallen zu Staub, zerschnitten zum Steak, gegossen zur Barby, Gieriges Greifen nach den Sichtverpackungen, kurz vor Kassenschluß. Reproduzierte Auren, Sonnenuntergänge. Panische Wochenendeinkäufe. Pandoras Büchsen am Fließband, von Krise zu Krise, von Kollaps zu Kollaps. Abendländischer Rausch der Prokrastination, verweht von Wüstenwinden aus dem Zweistromland, waste land, what comes around goes around, der Aufstand der Landschaften, in der Zeit des Verrats sind sie schön. Wenn du nicht zum Krieg gehst, kommt der Krieg zu dir. Flimmernde LED's. Instant Karma will gonna get you. Ares leuchtet. Heckler und Koch leuchtet. Irak leuchtet. Syrien leuchtet. Die Schuld leuchtet und die Schulden. Golden. Ablaß für Griechenland, Ablaß für Frankfurt, Ablaß für Draghi, Ablaß für Assad, Ablaß für Ablaß schreit Tetzel in der Derivatenkammer. Let me go on like I Blister in the sun. (Trebor Gross)